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15.10.2011 - Europäische Freiwilligentour

Mit einer "Öko-Uni" beteiligte sich der Deutsche Naturschutzring an der offiziellen Europatour im EU-Jahr für Freiwilligentätigkeit (EJF2011). Unter dem Motto "Natürlich engagiert! Forum für Umweltinteressierte" gab es eine Reihe von Vorträgen rund um Europa, Freiwilligendienste und ehrenamtliches Engagement für Natur- und Umweltschutz.

Nistkästen für verschiedene Vogelarten konnten Interessierte an einem Stand von EUROPARC direkt unter dem Glasdach des SonyCenters am Potsdamer Platz in Berlin bauen. Und das Bürogebäude des SonyCenters verwandelte sich für einen Tag in einen Hörsaal für Natur- und Umweltschutzthemen. Der Deutsche Naturschutzring und einige seiner Mitgliedsverbände hatten zur "Öko-Uni" geladen. Während im großen Vorraum Infostände der Grünen Liga, von Europarc Deutschland, dem NABU und der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe, von der Stiftung Naturschutz Berlin und der Klima-Allianz zu besuchen waren, trugen im Workshopraum insgesamt acht ReferentInnen Wissenswertes zu Freiwilligentätigkeiten im Natur- und Umweltschutz vor.

DNR-Vizepräsident Hartmut Vogtmann begrüßte die Gäste und betonte, wie wichtig die freiwillige Arbeit vor Ort auch für große politische Ziele ist. Als Beispiel nannte er die Yasuní-Initiative in Ecuador. Nicht nur in Ecuador engagieren sich Haupt- und Ehrenamtliche für den dortigen Regenwald, auch in Deutschland ist der Druck von vielen Aktiven notwendig, um die Regierung zu überzeugen, dass in dem lateinamerikanischen Land tatsächlich der Wald geschützt und nicht das darunter liegende Erdölvorkommen abgebaut wird. Die Regierung von Ecuador ist bereit, für den Erhalt des ökologisch einzigartigen Gebietes und den Schutz der dort lebenden indigenen Völker auf die Ausbeutung von Erdölvorkommen dauerhaft zu verzichten. Als Gegenleistung soll die Hälfte der erwarteten Einnahmeausfälle durch internationale Geldzahlungen von 350 Mio. US-Dollar pro Jahr über einen Zeitraum von 13 Jahren ausgeglichen werden. Doch das Gedächtnis einiger deutscher Politiker scheint löchrig zu sein, was einst gemachte Zusagen angeht. Ohne das Engagement vieler NatürschützerInnen könnte das Projekt Yasuní bald der Vergangenheit angehören.

Nicht nur international, auch europäisch basiert die umwelt- und naturschutzpolitische Arbeit oft auf dem Engagement ehrenamtlich Aktiver. Nach einer Einführung "Wie funktioniert die EU?" von Juliane Grüning von der DNR-EU-Koordination, übernahm es die ehemalige EU-Kommissarin Michaele Schreyer, auf ein neues Instrument der Beteiligung aufmerksam zu machen: Die Europäische Bürgerinitiative (EBI). Nach einer Erläuterung, worauf es bei der EBI zu achten gilt, und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, wenn sie ab dem 1. April 2012 bei der EU-Kommission registriert werden soll, spitzte Michaele Schreyer die Frage auf Energiepolitik zu. Wenn man die Europäische Bürgerinitiative zur Durchsetzung erneuerbarer Energien nutzen will - was gilt es zu beachten? Natürlich müssen die Formalia erfüllt sein: ein Bürgerausschuss mit mindestens sieben Mitgliedern aus sieben EU-Staaten muss innerhalb eines Jahres eine Millionen Unterschriften sammeln. Einfach den EURATOM-Vertrag abzuschaffen geht nicht, denn dieser steht rechtlich sozusagen außerhalb der Reichweite einer EBI. Dennoch bedarf der EURATOM-Vertrag dringend einer Reform, um Europa in die Energiewende zu führen.
Auch um ein Pendant, also einen Vertrag über eine Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare zu schaffen, ist die EBI eher ungeeignet, denn die EBI gilt nur auf Basis bestehender Verträge und kann keine neuen schaffen. Das wäre eher eine Aufgabe für den Rat der Europäischen Union. Die Entscheidung über den Energiemix ist in der EU eine "nationale Angelegenheit" - europäische Gesetze zur Festlegung höherer Anteile von erneuerbaren Energie erfordern Einstimmigkeit im Rat. Eine Lösung wäre, auf verstärkte Zusammenarbeit zu setzen und so langfristig die Mitgliedstaaten zu bewegen, einen derartigen Vertrag oder entsprechende Ziele zu beschließen.
Die Europäische Bürgerinitiative könnte aber sehr wohl dafür genutzt werden, schrittweise den Anteil von erneuerbaren Energien bei der Energieerzeugung in der EU zu erhöhen. Zum Beispiel könnte eine EBI die EU-Kommission auffordern, eine Gesetzesinitiative auf Basis Art. 194  und Art. 192 AEUV vorzulegen, den Anteil für Erneuerbare im Jahre 2030 auf eine bestimmte Prozentzahl festzulegen (zurzeit laut EU-Energie-/Klimapaket: 20 Prozent bis 2020).
Außerdem könnte eine EBI dazu genutzt werden, die EU-Kommission aufzufordern, gesetzliche Schritte einzuleiten, um auf Basis der bestehenden Verträge die EU zu einer Europäische Gemeinschaft für erneuerbare Energien zu entwickeln. Dass eine 100-Prozent-Versorgung der EU mit erneuerbaren Energien möglich ist, haben mehrere Studien - unter anderem eine des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrttechnik - hinreichend bewiesen. Was bisher fehlt, ist der politische Wille.

"Natur in NABU-Hand – Eigentum und ehrenamtliche Mitarbeit" - unter dieser Überschrift schilderte Felix Reyhl von der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe, wie das vereinseigene Netzwerk von Naturschutzgebieten Jahr um Jahr, Hektar um Hektar wächst. Inzwischen befinden sich mehr als 30.000 Hektar in NABU-Eigentum, aber mehr als 110.000 ha werden von Aktiven im Naturschutzbund betreut. Dank des ehrenamtlichen Engagements von durch den NABU ausgebildeten SchutzgebietsbetreuerInnen, die vor Ort ein Auge auf "ihr" Gebiet haben, ist eine Dauerbetreuung der wertvollen Gebiete gewährleistet. Die Ehrenamtlichen im NABU leisten jährlich rund 3,25 Millionen Stunden gemeinnützige Arbeit. Das ist auch dringend nötig, denn der staatliche Naturschutz wird immer weiter geschwächt, viele Naturschutzgebiete bestehen nur auf dem Papier. Um vor Ort eine gute Betreuung zu gewährleisten, werden noch HelferInnen gesucht!

Wer Gülcan Nitsch von der türkischen Gruppe Yeşil Çember im BUND erlebt, kann schon mal neidisch auf die Erfolgsgeschichte  des "grünen Kreises" (das bedeutet Yeşil Çember, gesprochen Jeschil Tschember) werden. Hauptsächlich mit rein ehrenamtlicher Arbeit ist es in kurzer Zeit gelungen, dass es inzwischen vier Gruppen türkischstämmiger UmweltaktivistInnen in Deutschland gibt. Kaum ein türkischer Generalskonsul in Deutschland darf von sich behaupten, diese Gruppe nicht zu kennen. "Neue Wege in der Umweltbildung: Aktivierung von türkischen MigrantInnen für den Klima-, Umwelt- und Naturschutz", so lautete das Vortragsthema. Neben der zweisprachigen Herausgabe von Informationsmaterialien hat sich die Gruppe die bundesweite Multiplikatoren-Schulung auf die Fahnen geschrieben, ein von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördertes Projekt. Außerdem ist es der Initiative von Yeşil Çember zu verdanken, dass es erstmals türkischsprachige Umwelttage gibt, an denen sich zahlreiche Kooperationspartner - vom Unternehmer über Bundestagsabgeordnete bis zu engagierten Hausfrauen - beteiligen. Das dahinterstehende Konzept: die Menschen da abholen, wo sie stehen - und das kann in der türkischsprachigen Kultur andere Vorgehensweisen erfordern als in der deutschsprachigen. "Wenn einer träumt, ist es ein Traum. Wenn viele träumen, ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit!"

Das nächste große Thema der DNR Öko-Uni war der neue Bundesfreiwilligendienst (BFD) und inwiefern dieser auch für Umwelt- und Naturschutzbewegte interessant sein könnte. Arne Mensching von der Stiftung Naturschutz Berlin referierte in seinem Vortrag "Freiwillig für den Natur- und Umweltschutz mit der Stiftung Naturschutz Berlin" sowohl über das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) also auch über den Ökologischen Bundesfreiwilligendienst (ÖBFD). Was sind die Unterschiede zwischen FÖJ und ÖBFD, welche Motive nennen jüngere für eine Teilnahme am FÖJ und ältere Interessierte für eine Teilnahme am ÖBFD, wo in Berlin gibt es Einsatzstellen und wieviel Geld gibt es als Anerkennung? All diese Fragen bekamen die TeilnehmerInnen an der Öko-Uni beantwortet. Weitere Informationen bieten zahlreiche Internetseiten, die im Vortrag von Arne Mensching am Ende aufgelistet sind - oder man wendet sich direkt an die Stiftung Naturschutz Berlin, die Kontakte zu Einsatzstellen vermittelt (www.stiftung-naturschutz.de). Bundesfreiwilligendienst im Natur- und Umweltschutz? "Ja, natürlich!" - Liesa Bauers berichtete vom NABU, der sich in der Rolle einer Zentralstelle ebenfalls für die Einrichtung von Einsatzstellen für Interessierte am Bundesfreiwilligendienst einsetzt. Der BFD, der als Ausgleich nach der Aussetzung der Wehr-/Zivildienstpflicht zum 1. Juli 2011 eingerichtet wurde, hat sowohl staatliche als auch zivilgesellschaftliche Trägerschaften. So können Interessierte auch beim NABU und dessen zugeordnete Einsatzstellen etwas wider die Ich-Gesellschaft tun und ihre natur- und umweltfachlichen Kompetenzen erweitern. Ab dem 16. Lebensjahr können "BFDler" für sechs bis achtzehn Monate in Voll- oder unter bestimmten Bedingungen auch in Teilzeit ihre Kraft für die Natur einsetzen. Die gesetzlich verankerten Strukturen des Bundesfreiwilligendeinstes gewährleisten unter anderem Versicherungsschutz, obligatorische Bildungstage, persönliche Betreuung und fachliche Anleitung in den Einsatzstellen. Freiwillige können in verschiedenen Bereichen aktiv werden, wie zum Beispiel bei Streuobstwiesenprojekten, in der Wildtierpflege oder der Öffentlichkeitsarbeit aktiv werden. Unter der Internetadresse www.freiwillige-im-naturschutz.de werden Stück für Stück immer mehr Platzangebote von Einsatzstellen eingegeben.

In Deutschland gibt es 15 Nationalparke, 14 Biosphärenreservate und über 90 Naturparke. Bei EUROPARC Deutschland e.V., dem Dachverband dieser Nationalen Naturlandschaften, wird das bundesweite Freiwilligenprogramm "Ehrensache Natur - Freiwillige in Parks" von Anne Schierenberg und Bettina Soethe koordiniert. In den Nationalen Naturlandschaften sind in 2010 etwa 2.800 "Freiwillige in Parks" im Einsatz gewesen, die in Teamarbeit mit den FreiwilligenkoordinatorInnen (meist hauptamtliche SchutzgebietsbetreuerInnen) für den Schutz wertvoller Ökosysteme, Pflanzen und Tiere mit angepackt haben. Bei "Ehrensache Natur - Freiwillige in Parks" sind ehrenamtliche MitarbeiterInnen unabhängig von Alter und Qualifikation und je nach individuellen Zeitbudget willkommen. Und sie leisten wichtige Arbeit, 2010 waren es etwa 82.000 Stunden. Das hilft sowohl den Hauptamtlichen als auch der Gesellschaft - und natürlich haben auch die Freiwilligen selbst etwas davon. Die Arbeit und Beteiligung der "Freiwilligen in Parks" sind in die Managementstruktur der Nationalen Naturlandschaften eingebettet. Die Parks werden dabei von EUROPARC Deutschland durch verschiedene Beratungs- und Serviceleistungen unterstützt. Spannend sind auch innovative Kooperationsprojekte: zum Beispiel mit der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. oder mit aufgeschlossenen Unternehmen, die für Arbeitseinsätze in die Parks kommen.

Wer dann noch nicht genug hatte, konnte sich am "kleinsten Öko-Quiz der Welt" beteiligen oder an der Verlosung für ein dreimonatiges Probeabonnement der Zeitung "umwelt aktuell" beteiligen. Auch, wenn noch einige TeilnehmerInnen mehr Platz gehabt hätten: Alles in allem war es ein gelungener Tag. [jg]


Programmflyer

Vorträge

Vortrag Juliane Grüning/DNR-EU-Koordination: Wie funktioniert die EU?

Vortrag Michaele Schreyer: Die Europäische Bürgerinitiative zur Durchsetzung erneuerbarer Energien nutzen

Vortrag Felix Reyhl: Natur in NABU-Hand - Eigentum und ehrenamtliche Mitarbeit

Vortrag Gülcan Nitsch: Neue Wege in der Umweltbildung: Aktivierung von türkischen MigrantInnen für den Klima-, Umwelt- und Naturschutz

Vortrag Arne Mensching: Freiwillig für den Natur- und Umweltschutz mit der Stiftung Naturschutz Berlin

Vortrag Liesa Bauers: Bundesfreiwilligendienst im Natur- und Umweltschutz

Vortrag Bettina Soethe: Ehrensache Natur - Freiwillige in Parks